Tag 79: Cartagena (Region Murcia)

Die von der Rezeption als „ruhiger Platz“ angepriesene Parzelle ist mit einer spanischen Familie benachbart, deren lautstarken Unterhaltungen ich notgedrungen bis etwa zwölf Uhr folge, bis ich endlich einschlafen kann.

Der platzeigene Supermarkt hat morgens bereits offen, so dass ich meine Wasservorräte auffrischen kann und noch je zwei Fanta- und Coladosen mit einpacke. Zunächst geht es über flaches, teilweise recht karges Land, hier und da unterbrochen von Mandarinen- und Zitronenplantagen, deren Früchte hier teilweise schon reif sind. Nach zehn Kilometern erschweren Regen und einige Hügel das Fortkommen, auch der Gegenwind ist heute nicht ohne. Mir kommen viele Mountainbikefahrer und Rennradler entgegen, die meisten winken und grüßen freundlich.

Es folgt ein langer Abschnitt entlang des Canal de Riegos de Levante. Die ersten zehn Kilometer sind wunderschön und abwechslungsreich. Das Befahren der Straße ist eigentlich Servicefahrzeugen vorbehalten, dennoch sieht man viele Radfahrer, einige Jogger und später auch gelegentlich Autos. Nach 20 Kilometern wird der Kanal karg und langweilig.

Zwei Mountainbikefahrer rufen mir zuerst etwas auf Spanisch zu und dann – als ich verständnislos den Kopf schüttele – auf englisch: „Hey, look at all these bags everywhere.“ Der Gegenwind nimmt immer mehr zu.

Eine Weile fahre ich noch auf unbefestigten Schotterstrecken durch die Berge vor Cartagena. Ich frage einen Spanier nach dem geeignetsten Weg zum einzigen Campingplatz der Region. Der Mann ist sehr freundlich und hilfsbereit. Ich erhalte ein paar gute Tipps für eine interessante restliche Route und komme dadurch an tollen Felsformationen vorbei, die der Regen binnen 2000 Jahren in den Berg gespült hat. Angeblich wurde das nahegelegene Theater aus diesen Steinen aufgebaut.

Der Platz stellt sich dann nach 90 Kilometern Fahrt als ein reiner FKK-Campingplatz heraus. Ohne einen Mitgliedsausweis (irgend so einen Naturistenpass) bekommt man keinen Einlass. Abgesehen davon versprüht die Rezeptionistin eine gewisse Distanz, als ob sie sagen wolle: „Ach, schon wieder so einer, der nur einmal die Nackten sehen will“. Es scheint sie jedenfalls nicht sonderlich zu stören, dass ein Radler, der um 18 Uhr an einem abgelegenen Campingplatz abgewiesen wird, jetzt möglicherweise ein ernstes Problem hat. Auf meine Frage nach alternativen Übernachtungsplätzen bekomme ich die knappe Antwort: „Cartagena“.

Ich finde ja, wenn offizielle Schilder kilometerweit vorher auf einen Campingplatz hinweisen, sollte der öffentlich sein und nicht privat. Oder zumindest deutlich als solcher gekennzeichnet werden. FKK hatte ich irgendwann ja gelesen und es nach erstem Schock mangels Alternativen vorsichtig an mich herangelassen, dieses Übel heute wohl auf mich nehmen zu müssen. Es war jedoch absolut nicht erkennbar, dass ich da nicht trotzdem irgendwo mein Zelt aufschlagen darf. Ich hätte den Platz schon googeln müssen, um das wissen zu können.

Recht erschöpft mache ich mich notgedrungen auf den Weg nach Cartagena. Dort freue ich mich sehr über einen kleinen Laden, in dem ich endlich meine Getränkevorräte füllen kann und dessen Bedienung mich mit einem strahlendem Lächeln begrüßt. Ich beschließe, mir diesmal kein Hotel zu nehmen, sondern suche mir nach 116 Kilometern eine ruhige Stelle in der Nähe einer Autobahn und campe dort wild – ich möchte das jetzt einfach mal gemacht haben. Den sehr guten Tipp, fürs wildcampen auf Servicestrecken neben den Autovias Ausschau zu halten, hatte ich in Frankreich von einem Reiseradler erhalten. Ruhig und Autobahnnähe schließt sich keinesfalls aus, jedenfalls ist es hier deutlich leiser als auf dem Campingplatz letzte Nacht. Generell ist der Platz nicht schlecht, es liegt zwar etwas Müll in der Nähe herum, dafür habe ich freien Blick auf eine Plantage. Das Zelt baue ich bei Nacht auf, es lässt sich zum Glück kein Mensch blicken.

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