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Blick nachts aus dem Zelt auf Bocairent

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Das putzige Hörnchen beobachtet mich

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Tag 75: Bocairent (Comunitat Valenciana)

Rogier hat mir einen Tipp für eine schöne, aber vermutlich knackige Gebirgsroute gegeben, nachdem er mich gefragt hat: „Do you also drive unpaved?“ Ich habe noch mehr Zeit als Kilometer übrig, also warum nicht. Wenige Höhenmeter hat sie schonmal nicht, wie der Untergrund dann sein wird – ich bin gespannt. Morgens versuche ich, mögliche Campingplätze in dieser Region zu finden. Fehlanzeige, ich finde keine. Nina bringt eine Karte und ein Buch mit Campingplätzen in Spanien und hilft mir bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten. Einen Campingplatz können wir nicht auftreiben, doch ich bekomme einen wertvollen Tipp: bei Google Maps nach „albergue“ oder „casa rural“ zu suchen.

Zum Aufbruch in unbekanntes Land wird es mir ohne rechten Übernachtungsplan irgendwann zu spät und ich entscheide mich, noch eine Nacht zu bleiben. Ich finde endlich ein mit 33€ günstiges und gut bewertes Hotel entlang des Bergpasses und buche dort für morgen eine Nacht. Nina empfiehlt mir für heute eine Route Richtung Norden als kleinen Tagesausflug. Ich schaue mir zuerst Bocairent an und kaufe alles mögliche für die morgige Gebirgsetappe im Supermarkt ein.

Dann mache ich mich mit wenig Gepäck am Rad auf die empfohlene Tagesroute. Über acht Kilometer geht es 400 Höhenmeter lang praktisch nur runter. Der Pass führt auf einer asphaltierten, viel von Autos befahrenen Straße durch karge, kaum bewachsene Bergwelten. Unten liegt ein schönes, schmales Tal, durch das ein toller Bach mit sehr klarem Wasser fließt. Der Rückweg bereitet mir ohne Gepäck erstaunlich wenig Probleme. Ich brauche keine Stunde dafür, ohne mich allzu sehr anstrengen zu müssen. Die spanischen Autofahrer sind übrigens während der letzten bestimmt 300 Kilometern sehr rücksichtsvoll im Umgang mit Fahrrädern gewesen. Es kommt nur äußerst selten mal einer zu nah.

Abends toben hier erneut die Eichhörnchen herum. Manchmal gucken sie einem kurz direkt ins Gesicht, so als ob sie irgendetwas im Schilde führen. Ansonsten – ich schrieb es gestern schon: dieser Blick nachts aus dem Zelt auf Bocairent bei einem Glas Wein ♥

Tag 74: Bocairent (Comunitat Valenciana)

Erneut Start um acht. Die ersten 15 Kilometer geht es leicht bergauf an Feldern mit Oliven, Mandarinen, Orangen und Khakis vorbei. Der Algorithmus für die Routenplanung meiner App sorgt dann mal wieder für Überraschungen. Ich lande ungewollt auf einem eigentlich gesperrten Mountainbikepfad quer durchs Gebirge. Wenn einen bereits auf dem ersten Kilometer ein paar Spanier überholen, die sich über das Reiserad amüsieren und kurze Zeit später auch noch welche entgegenkommen, die „Vaya con Dios“ rufen, sollten eigentlich die Alarmglocken läuten. Ich denke mir, Kehrtmachen kommt nicht in Frage – was immer die Jungs da fahren können, kann ich auch fahren.

Gute Entscheidung, der Pass ist hart, aber machbar zu fahren. Man muss durch längere unbeleuchtete Tunnel, über viel loses Geröll und auch mal steile Hänge hoch – habe ich aber alles schon schlimmer erlebt. Links und rechts geht es oft zig Meter steil abwärts, man sollte hier besser nicht vom Pfad abkommen. Mitten auf dem Pass muss ich eine Baustelle überqueren. Für die Mühen werde ich mit Wasserfällen, Bächen und unberührter Natur inmitten einer vielseitigen Berglandschaft entlohnt. Äußerst sehenswerte Gegend.

Nach insgesamt knapp vier Stunden und 35 Kilometern stelle ich fest, dass ich noch weitere 535 Höhenmeter vor der Nase habe. Der Pass bietet die Möglichkeit, in Richtung befestigter Wege abzubiegen, die ich dann mit gemischten Gefühlen im Bauch auch nutze. Angenehmer, sicherer Untergrund gegen schönere Landschaft ohne Autos: schwere Entscheidung. Den Rest der Strecke quäle ich mich dann auf Asphalt durchs Gebirge, leichte Muskelschmerzen und ein guter Grad an Erschöpfung begleiten mich.

In Bocairent erwartet mich ein toller, kleinerer Platz. Sehr abgelegen bietet er absolute Ruhe, nachts einen wunderschönen Blick auf die toll angestrahlte Stadt, perfekt gepflegte Sanitäranlagen und es ist nur ein anderes, freundliches niederländisches Campingehepaar anwesend. Das beste sind aber die beiden jungen Platzbesitzer. Rogier und Nina sind ausgewanderte Niederländer und sehr nette und super herzliche Menschen, bei denen man sich zu hundert Prozent akzeptiert und sofort einfach nur wohlfühlt.

Mit Rogier trinke ich ein Bier und wir quatschen eine Stunde. Er ist zwei Jahre älter als ich, sieht aber aus wie maximal 30. Mit 16 ist er mal 26 Stunden am Stück über 250 km Rad gefahren. Während des Gesprächs muss er gelegentlich Streit zwischen seinen beiden kleinen Söhnen schlichten, was er auf eine absolut liebevolle und bewundernswerte Weise hinbekommt. Abends reden wir nochmal eine ganze Weile übers Auswandern und Leben in Spanien, über Mentalitäten verschiedener Länder und worin diese begründet sind und über App-Programmierung. Ich mag tiefsinnige Gesprächspartner, die über vieles nachdenken und die viele interessante Ideen haben – dieser Mensch ist so einer.