Tag 44: La Barre de Monts (Pays de la Loire)

Während ich packe fragt mich ein Reiseradler-Pärchen nach einem Feuerzeug und ich schenke ihnen eins von meinen vier. Sie fahren wie ich die Velodyssée bis Bayonne, die hier mittlerweile Vélocéan heißt. Um 9.30 fahre ich los und mache erst einmal einen 5km Umweg, um zum nächsten E.Leclerc zu gelangen. Dort bekommt man praktisch alles und in den kleinen Supermärkten habe ich kein Rei in der Tube auftreiben können.

Kann mir mal jemand verraten, weshalb ständig irgendwo Franzosen in ihren Autos hocken und warten? Oftmals alleine und gerne auch bei laufendem Motor? Das habe ich jetzt zigfach beobachtet und mir noch keinen Reim darauf machen können.  

Die Fahrt ist spannend. Morgens geht’s am Atlantik entlang, dann durch ein paar Hafenstädte (Pornic hat mich beeindruckt) und am Schluss lange durch ein Gebiet, das von hunderten kleiner Flüsschen durchzogen ist und von Pferden bevölkert wird. Ich treffe immer mal wieder auf ein junges französisches Reiseradler-Pärchen. Leider endet die Reise irgendwann vor einer 4km langen Brücke, vor der ein Warnschild aufleuchtet: Stop, nicht mehr befahren, Flut kommt. Nach 10 Minuten trifft auch das Pärchen ein und ist genauso ratlos wie ich. 

Ich will zum Umfahren der Brücke schlau abkürzen, verfranse mich aber immer mehr im zunehmend unbefahrbaren Unterholz und muss umkehren. Nach 94km finde ich endlich einen tollen Platz für 5€, der sogar einen Wasserschlauch zum Säubern meines Bikes zur Verfügung hat. Das wurde auch Zeit, das Rad hat die letzten Tage angefangen zu quietschen. Ich hole Unmengen an Dreck aus den beiden hinteren Umwerferritzeln, Bremse und den Ritzeln der hinteren Gangschaltung.

Tag 43: Saint-Brevin-les-Pins (Pays de la Loire)

Halb zehn Abfahrt in Nantes. Die ersten etwa 15km sind wie Nantes generell nicht schön – wie so oft, wenn man aus einer Großstadt herausfährt. Ich finde endlich das von Lea empfohlene Bâton de Berger. Schmeckt wie Bifi, nur härter – vielleicht in Beton de Berger umbenennen? An eine gute Chorizo kommt es für mich jedenfalls nicht heran.

Auf der Velodyssée trifft man jede Menge Reiseradler. Irgendwann muss ich die Loire kreuzen und warte auf eine Fähre. Als diese ankommt, drücke ich einem einzelnen Cyclist die Hand. Frank heißt der Mann, kommt aus Augsburg und wir verstehen uns so gut, dass ich die Fähre sausen lasse und wir zusammen auf die nächste warten. Er ist auch schon seit einem Monat unterwegs und wir lachen gemeinsam über 10kg-Gepäck-Hobbyreiseradler, die nur in Restaurants essen, im Hotel übernachten und sich dabei für Robinson Crusoe auf dem Bike halten.

Während der Fahrt bekomme ich gleich zweimal „Courage“ zu hören, einmal mit „bon“ davor. Ich habe keine Ahnung, was an der Velodyssée so mutig sein soll. Die Strecke ist gut ausgebaut, halbwegs hügel- und autofrei und es hat wenig Wind hier, das kann nun wirklich jedes Kind fahren. Ein Franzose erzählt mir, er sei mal bis nach Spanien mit dem Rad gefahren. Sehr netter Mensch, der mich kurz darauf mit dem Auto einholt und mir Streckentipps geben will. Das passiert mir desöfteren mal, ich höre mir das mittlerweile höflich an, nicke freundlich, bedanke mich und vergesse alles möglichst schnell wieder.

Irgendwann erreiche ich den Atlantik, was mir noch einmal eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Erstmal, weil es für mich einfach noch einmal einen wichtigen Meilenstein markiert und zum anderen, weil das Bild so beeindruckend ist. Ein paläontologisches Museum hat irgendein Dinosaurier-Skelett halb im Meer versenkt.

Der Strandplatz ist toll und mit 7.30€ sehr günstig. Es ist aktuell für mich der pure Luxus, mir nach dem Radfahren ein Entrecote in die Pfanne zu hauen. Von Nachtruhe halten sie auf dem Platz wenig. Gegen drei Uhr werde ich von lachenden Franzosen aus dem Schlaf geholt. „Bon nuit, Michelle“ rufen sie sich da in einer Lautstärke zu, als ob sie die einzigen auf dem Platz wären.

Tag 42: Nantes (Pays de la Loire)

Ich führe ein kurzes Gespräch mit den normalen Franzosen, die wohl etwas im Clinch mit ihrem Nachwuchs waren, weil dieser die Nase voll hatte von Radtouren und sich schlussendlich auch durchgesetzt hat. Sie brechen ab und fahren heute nach Hause.

Als ich versuche, eine Katze anzulocken (vergeblich), freut sich deren Besitzer. Da er auch ein schönes MTB vor seinem Wohnmobil stehen hat, unterhalten wir uns eine Weile. Was man so Unterhaltung nennt bei meinem Französisch.

Die Velodyssée führt auch heute ausschließlich am Brest-Nantes-Kanal entlang. Ganz nett, aber auf Dauer etwas eintönig, zumal der Kanal nicht so abwechslungsreich ist wie La Rance. Um Nantes zu erreichen, kürze ich die letzten 20km über Landstraßen ab. Als ich den EV1 (Eurovelo 1, also die Velodyssée) verlassen will, spricht mich eine einzelne französische Reiseradlerin an. Ein ganz seltenes Bild übrigens, Einzelreiseradler sind schon in männlich eine absolute Rarität. Sie will wissen, ob die Velodyssée am Kanal entlang weitergeht. Ich sage ja, weil meine App das behauptet, aber so recht traut sie mir nicht. Ich werde angehupt, weil ich mit dem Vorderrad leicht auf die Landstraße linse und mache mich auf den Weg.

Nach über 90km erreiche ich den Fünf-Sterne-Platz in Nantes. Eine witzige und nette Rezeptionistin erklärt mir den Platz. Mit 13.25€ ist der sogar bezahlbar und hat die besten Sanitärräume, die ich bisher gesehen habe. Riesige Duschkabinen je mit eigenem Waschbecken. Dyson-Händetrockner, Fön, alles was man so braucht. Leider ist das Restaurant eine Katastrophe. Die Bedienung ist unfreundlich, die Pizza schmeckt nicht und am Ende warte ich eine halbe Stunde auf die Rechnung.